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Krishnananda & Amana: Durch Zuwendung zu unserer Scham tief mit uns selbst in Berührung kommen

(AL) Schlechtes Gewissen, Scham, Schuldgefühle – wir alle kennen das nagende Gefühl, nicht okay zu sein, so wie wir sind, oder mit dem, was wir getan haben. Es gibt heilsame Wege im Umgang mit diesen Themen. Krishnananda und Amana Trobe, die Begründer der Learning-Love-Arbeit, bieten 2017 zum ersten Mal im Waldhaus das fünftägige Intensivseminar «Scham und Schuld» an.

Scham ist in unserer Gesellschaft nach wie vor ein tabuisiertes Thema. Was motiviert die Menschen, sich in einer Gruppe mit ihrer Scham auseinanderzusetzen?

Amana: Scham ist wahrscheinlich der grösste Saboteur unserer Beziehungen und unserer Kreativität. Wenn wir nicht verstehen, was Scham ist, dann glauben wir wirklich, dass etwas mit uns verkehrt ist – und dann kompensieren wir unablässig. Es sind die Kompensationen, die eine Menge Probleme kreieren. Wir müssen einen bestimmten Grad an Reife erlangen, um uns in einer Gruppe mit Scham auseinandersetzen zu wollen. Wenn wir bereit sind dazu, ist es unglaublich heilsam, mit anderen zu sein und zu erkennen, dass wir nicht alleine sind mit diesen schmerzhaften Gefühlen.

Krish: Scham ist eine tiefe Hypnose, ein negatives Selbstbild, an das wir zutiefst glauben, besonders wenn wir uns kritisiert, zurückgewiesen, verurteilt oder unfähig fühlen. Oft hindert sie uns, das Risiko einzugehen, uns zum Ausdruck zu bringen oder uns für Liebe zu öffnen. Wenn wir uns mit unserer Scham zeigen, verliert sie paradoxerweise etwas von ihrer Macht und es fällt uns leichter, anderen auf verletzliche und herzliche Weise näher zu kommen.

Ist es denn möglich, sich von Scham zu befreien?

Amana: Es ist durchaus möglich, an einen Punkt zu kommen, an dem wir wirklich freundlich und liebevoll mit uns selbst sind. Wir hören dann auf, unerreichbaren Ansprüchen genügen zu wollen, die uns nur noch beschämter machen, wenn wir sie nicht erfüllen. Das Schmerzhafte an unbewusster und nicht gefühlter Scham ist: Sie macht uns so enormen Druck, übermenschlich sein zu müssen, dass wir dabei leicht ausbrennen und uns erschöpfen, anstatt uns auf unsere Individualität einzustimmen, indem wir unsere einzigartigen Qualitäten wie auch unsere Begrenzungen respektieren und ehren.

Krish: Wenn wir unsere Scham verstehen und durcharbeiten, wird sie nicht einfach verschwinden. Es ist eher, als ob sie zu einer Art Schatten würde. Sie kann hochkommen, wenn sie durch etwas aktiviert wird, aber sie wird nicht mehr unser Leben bestimmen. Stattdessen finden wir den Mut und die Motivation, für unser Leben zu gehen.

Was für einen Weg bietet ihr an, um zur Heilung von Scham zu finden? Welches sind nach eurer Erfahrung die ausschlag-gebenden Schritte, die es braucht?

Amana: Der erste ganz wichtige Schritt zur Heilung von Scham besteht darin, zu verstehen, was Scham ist, und unsere Aufmerksamkeit auf etwas zu richten, das sonst unbewusst bleibt. Und dann beginnen wir sanft, die Scham zu fühlen. Der dritte Schritt besteht darin, allmählich mehr Würde und Selbstliebe ins Leben zu bringen. Aus der Scham heraus tun wir oft Dinge, die die Scham noch verstärken und schlimmer machen. Deshalb ist es so bedeutsam, dass wir unser Leben so gestalten, dass wir stolz darauf sein können.

Krish: Allem voran heilen wir Scham, indem wir uns für sie öffnen. Indem wir verstehen, was sie ist und indem wir erkennen, wann sie aktiviert wird und wodurch, wo sie herkommt und welchen Einfluss sie auf unser Handeln, Denken und Fühlen hat. Wir heilen Scham auch, indem wir in unserem Leben kleine Risiken eingehen, sodass wir unser schambehaftetes Selbstbild in ein kraftvolleres Selbstgefühl verwandeln können.

Ich bin noch kaum jemandem begegnet, der Scham nicht kennt. Ist Scham ein Produkt der zivilisierten Welt oder gehört sie einfach zum Menschsein?

Amana: Ich glaube, sie ist das Ergebnis aus verschiedenen Faktoren, die zu unserer auf Scham gründenden Gesellschaft gehören. Die meisten von uns sind mit Eltern oder erziehenden Personen aufgewachsen, die kaum ein Verständnis und Bewusstheit in Bezug auf Scham hatten. Sie haben sie einfach weitergegeben, anstatt uns zu zeigen, wie man Schmerz fühlen und auf liebevolle Weise mit schwierigen Situationen umgehen kann. Viele von uns wurden bestraft, erniedrigt oder mit anderen verglichen, wenn wir die an uns gestellten Erwartungen nicht erfüllten, anstatt dass wir mitfühlend wahrgenommen und unterstützt wurden, wir selbst zu sein.

Krish: Die moderne Gesellschaft ist geprägt von Scham, weil sie Rivalität, Erfolg, Zielorientierung und Leistung betont. Wir werden viel mehr zu Machern erzogen als zu Wesen, die in ihrem Sein ruhen und nicht beweisen müssen, dass sie wunderbar sind. Wir möchten die Menschen unterstützen, sich langsam von den gängigen Werten wegzubewegen und mehr und mehr sie selbst zu werden.

Euer Seminar trägt den Titel «Scham und Schuld». Worin besteht der Unterschied zwischen den beiden?

Amana: Wir fühlen uns schuldig, wenn wir etwas tun, das dem zuwiderläuft, was uns beigebracht wurde oder wenn wir jemanden verletzen. Bei Scham hingegen geht es um ein tieferes Gefühl von Falschsein, nicht um etwas verkehrt machen, sondern um das Grundgefühl, verkehrt zu sein.

Krish: Schuld fühlen wir in Bezug auf eine Handlung oder auf etwas, was wir versäumt haben zu tun. Scham ist ein grundlegendes negatives Selbstgefühl. Es trifft den Kern dessen, was wir zu sein glauben.

Was ist eure Herangehensweise bei der Arbeit mit Schuldgefühlen?

Amana: Wenn wir mit Schuld arbeiten, müssen wir zuerst herausfinden, wo die Schuldgefühle herkommen. Wenn die Schuld daraus resultiert, dass wir etwas getan haben, das nicht unserer Konditionierung entspricht, dann reicht es, die Schuld zu fühlen und in sie hineinzuatmen. Wir machen uns bewusst, wie beängstigend es ist, gegen das anzugehen, was uns beigebracht wurde – und halten den Fokus darauf, mehr unserer eigenen Intelligenz zu vertrauen.

Kommt die Schuld hingegen aus unserer inneren Weisheit, die uns auf ein Verhalten hinweist, das unachtsam oder nicht liebevoll war, dann können wir tiefer gehen und schauen, was uns zu dem Verhalten veranlasst hat. Wenn wir erkennen, aus was für einem Bedürfnis heraus wir es getan haben, ist es leichter, uns selbst Mitgefühl entgegenzubringen und dann den Schmerz von dem zu fühlen, was wir getan haben.

Was ist der Sinn davon, dass wir uns mit Scham auseinandersetzen müssen?

Amana: Wenn wir uns nicht mit Scham und Schuld befassen, steuern uns diese Gefühle unbewusst und sabotieren unser Leben. Dann versuchen wir, die Erwartungen anderer zu erfüllen und treiben uns ständig an – oder kollabieren. Das ist eine äusserst erschöpfende Art zu leben. Wenden wir uns ihnen zu, um sie zu verstehen und zu fühlen, so kommen wir tiefer in Berührung mit unserem innersten Gefühl von uns selbst und und von unserer Zugehörigkeit zu diesem Universum. Wir finden in uns selbst nach Hause und können entspannen in der Art und Weise, wie wir sind – und unsere einzigartigen Gaben entfalten.

Krish: Wenn Scham unerforscht bleibt, werden wir zu Opfern unserer Konditionierungen und finden uns in roboterhaften Beziehungen wieder – Beziehungen, die nicht auf unserer eigenen Wahl und Individualität beruhen, sondern auf dem, was uns beigebracht wurde.

Die von Machtansprüchen und Konflikten geprägte politische und wirtschaftliche Welt kann uns leicht den Eindruck vermitteln, dass Schamvermeidung hier auf höchster Ebene eine enorme Rolle spielt. Wie seht ihr das?

Amana: Ja, der grösste Teil des Schmerzes und des Leidens auf der Welt geschieht, weil die Menschen nicht gelernt haben, auf liebevolle Weise mit sich selbst zu sein. Leider wird bis heute nicht in der Schule gelehrt, wie wir uns selbst wertschätzen und lieben können, wie wir uns mit unseren eigenen Geschenken verbinden und fühlen können, dass wir besonders sind und hier gebraucht werden. Uns wird nicht beigebracht, dass es Platz hat für alle und dass jede und jeder etwas Eimaliges mitbringt und das Leben auf seine ganz eigene Art erfährt. Ohne dieses Verständnis und die innere Erfahrung dazu, werden die Menschen sich und andere unter Druck setzen, rivalisieren, kompensieren, mit Masken herumlaufen, um Anerkennung zu erhalten, und weit entfernt von ihrer Essenz und inneren Erfüllung sein.

Krish: Amana hat es auf den Punkt gebracht.