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Puja Diana Richardson: Sexualität als Meditation

Diana, wie bist du auf diese Art, »Liebe zu machen« gekommen? Bitte schildere kurz einige Merkmale von Slow Sex.

Diana: Es fing alles mit meiner persönlichen Entdeckungsreise in Sachen Sex an; ich war Anfang Dreissig und lebte damals in Indien. Ich beschloss, die Art und Weise,wie ich Liebe machte, zu verändern. Es war nicht so, dass ich irgendwie «unglücklich» mit meinem Sexleben gewesen wäre, überhaupt nicht, ich war einfach neugierig auf andere Möglichkeiten. Und das Einzige, was ich «tat», war, dass ich lernte, während des Sex bewusster zu sein. Dabei beachtete ich einige Hinweise von spirituellen Meistern, Osho und Barry Long. Und je mehr ich es praktizierte, desto mehr wurde mir klar, dass es in mir als Person zu vielen subtilen und unerwarteten Veränderungen kam. Ich fühlte mich mehr in meinem Körper verankert und präsenter, lebendiger in meinen Sinnen, entspannter und mehr in mir selbst. Meine Lebensqualität veränderte sich, ich fühlte mich beschwingt und inspiriert. Alles wurde einfacher und klarer, es gab von Tag zu Tag mehr Fluss, Präsenz, Bewusstheit, Klarheit und Sensitivität. Langsamer und bewusster Sex kann definitiv das Leben auf sehr positive Weise transformieren.

Du sprichst davon, dass Slow Sex eine Möglichkeit sei, sich selbst näher zu kommen; wie meinst du das? Und warum ist es Meditation für dich? Oder könnte man es auch ein Gebet nennen?

Diana: Beim Slow Sex geht es nicht um den Orgasmus, wie es so oft bei konventionellem Sex der Fall ist. Beim Slow Sex muss man also nirgendwohin, es gibt nichts zu erreichen, man muss nicht für etwas oder auf etwas hin arbeiten. Es gibt keinen Plan, keine Leistung, kein Programm, keine Agenda. Statt also die Aufmerksamkeit nach aussen auf das «Tun» und «Erreichen» zu lenken, wie es herkömmlich der Fall ist, wird die Aufmerksamkeit wieder nach innen gerichtet. Auf ganz leichte und natürliche Weise fällt man zurück in seine eigene Mitte, und so kommt man sich selbst näher. Man entdeckt, wie man auf die feinstofflichen Energien des Körpers hört, sich darauf einstimmt und sie einsetzt, um in der Gegenwart zu bleiben. Man entdeckt, wie man einfach «sein» kann, und sobald man anfängt, einfach präsent zu «sein» mit dem, was da ist, ist man in Meditation. Ja, Slow Sex ist ein Gebet. Gebet ist nicht nur etwas, das entweder still im Inneren oder laut ausgesprochen wird. Für mich geht Gebet mehr in die Richtung, dass man das Gebet «ist», das Gebet lebt, statt es zu «tun» oder zu sagen. Gebet ist ein Bestreben, jeden Augenblick des Tages wie im Gebet zu leben, so liebevoll, bewusst und sensibel wie möglich zu sein. Slow Sex fördert diese Qualitäten, und so wird er eine ganz natürliche Form des Gebets, eine geheiligte Erfahrung.

Alles verlagert sich dabei vom Tun zum Sein, weg von der Sensation, hin zu mehr Sensibilität. Magst du dies näher erläutern?

Diana: Sensationen – damit sind «überwältigende» Sinneseindrücke gemeint – und Tun sind sehr miteinander verknüpft. Viele Dinge werden im Sex getan, um durch Sensationen, die auf Stimulationen und Erregungsaufbau basieren, zu mehr Intensität zugelangen. Wir glauben, dass der Sex besser ist, je intensiver und heisser er ist. Aber in Wirklichkeit ist es so, dass wir mit mehr und mehr Sensationen unsere Sensibilität verlieren. Das Streben nach den grossen Empfindungen zieht uns ins Aussen, es bringt uns von unserer Mitte weg. Stimulation und Sensation beteiligen die Körper auf einer relativ oberflächlichen energetischen Ebene. Sensibilität andererseits erfordert eine Orientierung nach innen, auf die feine, subtile, zarte Schicht, die unter den Sensationen liegt. Es ist gut, ruhiger und gelassener zu werden, damit man sich auf die Lebendigkeit des zellulären Universums im Inneren einstimmen kann. Es ist ein Nicht-Tun, eine Entdeckung des «Seins» beim Sex, indem man eine Bewusstheit für seinen «inneren Kosmos» entwickelt.

Du nennst es spirituelle Alchemie. Wenn wir Achtsamkeit in unsere Sexualität geben, erhalten wir als Nebenprodukt Liebe – bitte beschreibe dies!

Diana: Es geschieht einfach, wenn es zwei Menschen gelingt, beim Sex über längere Zeit «in der Bewusstheit zu bleiben», dass eine greifbare Liebesenergie erzeugt wird, sowohl zwischen den beiden als auch in jedem einzelnen. Und die beiden tragen diese Ausdehnung der Liebe mit sich. Es ist auch von auen sichtbar, die Liebe zeigt sich in einem Strahlen und Leuchten.

Es geht um Gegenwart und die Präsenz, aber wo finde ich diese?

Diana: Man kann den gegenwärtigen Augenblick nur über den Körper lokalisieren. Mit dem Geist und Verstand kann man die Gegenwart nicht wirklich finden. Der Geist rennt immer vorwärts in die Zukunft oder geht zurück in die Vergangenheit. Man kann sich also den gegenwärtigen Moment nicht erdenken, man kann ihn nur erfahren. Und dies geschieht, indem man langsamer wird, in den Körper hinein fühlt, sich mit den Sinnen einstimmt und den Körper von innen erfährt. Indem man den Körper fühlt, eine Körperbewusstheit erlangt, wird der gegenwärtige Moment erschaffen oder erfahren. Der Körper gibt einem die Erfahrung des Hier und Jetzt. Und indem sich diese Fähigkeit entwickelt, führt sie einen in immer höhere Ebenen von Präsenz.

Welche Bedeutung hat der Orgasmus bei Slow Sex? Im konventionellen Sex ist dieser ja meistens das Ziel aller Handlungen. Wird er bei Slow Sex unterdrückt?

Diana: Nein, bei Slow Sex wird der Orgasmus definitiv nicht unterdrückt. Er wird aber auch nicht gesteuert oder kontrolliert. Wenn der Orgasmus leicht und ohne Anstrengung geschieht, dann erlaubt man ihm zu geschehen, man lässt ihn zu. Aber man arbeitet nicht darauf hin, man bewegt sich nicht schneller oder spannt sich an, um entsprechend mehr Erregung aufzubauen. Man bleibt entspannt, gelassen und im Hier und Jetzt verankert. Es ist gut, wenn man versteht, dass beim konventionellen Sex Energie und Intensität (Sensationen) bis zum Höhepunkt aufgebaut und dann in einem Fluss nach unten hin entladen werden. Beim konventionellen Orgasmus/bei der Ejakulation fliesst die Energie nach unten und aussen, was eigentlich ein Unterdrücken von Energie ist. Das Gegenteil einer nach unten und aussen entladenen Sexualenergie ist eine nach oben gehende Ausweitung von Sexualenergie. Und beim Slow Sex geht es um diese Möglichkeit, dass man lernt, wie die Energie erhalten bleibt (statt sie als Gewohnheit oder Muster zu entladen). Man erlaubt der Vitalität, im Körper zu bleiben, aufzusteigen, sich auszudehnen, zu zirkulieren und das gesamte System zu energetisieren. Die Intention besteht darin, zu fliessen und bei dem zu sein, was ist – es gibt keinen Druck in irgend eine Richtung, es ist mehr wie ein Entfalten, ein Fliessen, bei dem eins ins andere führt. Durch diese innere Ausdehnung ist esmöglich, einen «orgasmischen» Zustand zu erfahren, wo man sich als reine Energie fühlt, glückselig, zeitlos, in Harmonie und Frieden. Ein Orgasmus von ein paar Sekunden ist etwas ganz anderes als eine zeitlose orgasmische Erfahrung .Ein Grundunterschied besteht darin, dass man sich die orgasmische Erfahrungnicht als Ziel setzen kann, sie ist ein «Zustand» und nicht etwas, das man erwarten oder fordern kann. Es geht vielmehr darum, im Inneren eine Situation zu erschaffen, die eine orgasmische Erfahrung einlädt – ein Umfeld von Gelassenheit, Bewusstheit und Sensibilität.

Während viele Männer zu früh kommen, haben Frauen eher das Problem, überhaupt Lust zu empfinden, irgendetwas scheint in Schieflage zu sein. Etwas Wesentliches fehlt wohl in unserer Sexualerziehung, was meinst du?

Diana: Nun, es gibt ganz einfach viele Missverständnisse im Sex. Erstens einmal gründet sich konventioneller Sex auf Erregung und Intensität, es soll immer so «heiss» wie möglich sein. Diese Spannung führt dazu, dass Männer früher als sie wollen ejakulieren. Dazu kommt, dass wenn eine Frau beim Sex sehr erregt ist, Männer oft zur Ejakulation kommen. Ein Weg aus diesem Muster der frühzeitigen Ejakulation besteht darin, dass Mann und Frau ihr Erregungsniveau reduzieren, langsamer und gelassener sind.

Der zweite Faktor ist mangelnde konkrete Information über den unterschiedlichen «biomagnetischen» Energieaufbau von Mann und Frau. In der DVD «Slow Sex» wird dies mit farbigen Animationen sehr klar dargelegt. Uns fehlt das grundsätzliche Wissen, dass der physische Körper der Frau Zeit braucht, um sich für Sex aufzuwärmen, sich dafür zu öffnen. Im Allgemeinen braucht der weibliche Körper wesentlich länger als der männliche. Die Frau verliert nicht das Interesse, weil sie erweiterte orgasmische Erfahrungen braucht. Dieser innere magnetische Aufbau ermöglicht es auch, dass Energie zwischen einem männlichen und einem weiblichen Körper zirkulieren kann.

Slow Sex ist Meditation mit heilender Wirkung. Was ist heilsam dabei?

Diana: Ich habe sehr viele Rückmeldungen über eine Vielzahl positiver und heilsamer Wirkungen von Menschen, die bewussten, langsamen Sex praktizieren. Wenn man Sex auf einer tieferen Ebene versteht und erlebt, dann lernt man sich selbst einfach besser kennen. Man ist mehr und näher auf die essenziellen Qualitäten ausgerichtet; der Selbstwert nimmt zu, man fühlt mehr Liebe für sich und andere. Unglücklichsein und Unsicherheiten aus der persönlichen Vergangenheit lösen sich auf. Man fühlt sich integrierter, ausgeglichener, friedlicher, zufriedener, freudvoller, einfacher, stiller, präsenter – und das alles ist enorm heilsam.

Du sprichst von sexueller Intelligenz und bezeichnest Slow Sex als Friedensarbeit für die Welt, denn wenn man friedlicher mit der Partnerin/dem Partner ist, ist man auch friedlicher zu seinen Kindern und seinen Freunden, fährt friedvoller Auto und denkt friedvoller. Hätte dies Auswirkungen auf das zwischenmenschliche Klima auf der Erde?

Diana: Ja, da bin ich mir sicher! Es gibt heutzutage so viele gesellschaftliche und persönliche Probleme in unserer Welt, die alle eine direkte Folge von mangelndem konstruktivem sexuellem Wissen sind. Wenn wir lernen würden, wie wir unsere sexuelle Energie gemäss unserem Körperaufbau und nicht unserem Geist und Verstand kanalisieren können, dann würde sich unser Leben als Einzelne, als Paare, als Familien und daher auch unser Leben als Gesellschaft merklich zum Besseren verändern. Nur ein kleiner Wandel in jedem von uns erhöht unsere [sexuelle] Intelligenz und setzt enorme Heilung und Gleichgewicht für den Planeten in Bewegung. Wenn wir als Menschen glücklicher und liebender wären, gäbe es keine Zerstörung und Krieg, Ausbeutung von Ressourcen und alles, dem wir heute so hilflos gegenüber stehen. Eine sexuelle Revolution wäre auch für die Umwelt und die Erde sehr heilsam. Meiner Ansicht nach besteht der nächste Schritt in der menschlichen Evolution in unserer Fähigkeit, unsere Natur anzunehmen und mit Intelligenz und Klarheit Sex zu haben.

Titelthema dieser Ausgabe ist «Meditation und Gebet», was magst du unseren Lesern noch sagen?

Diana: Sex ist eine der einfachsten Situationen, in denen man eine Atmosphäre von Meditation und Gebet erzeugen kann. Durch Sex können wir die Einladung und den Raum für Gott und das Göttliche erschaffen, in uns einzutreten.

(Publikation mit freundlicher Genehmigung von «Lichtfokus», Elraanis Verlag, Reit im Winkl)