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Krishnananda & Amana: Lernen, beim Sex über eigene Ängste und Unsicherheiten zu kommunizieren

Krishnananda (Thomas Trobe) gehörte zu den ersten Seminarleitern, als das Waldhaus 1993 als Seminarzentrum eröffnet wurde. Wenig später begann er die damals «Co-Dependency» genannte Arbeit gemeinsam mit Amana (Gitte Demant Trobe) zu lehren. Heute sind sie seit mehr als 16 Jahren ein Liebespaar und leiten Learning-Love-Workshops und -Trainings rund um die Welt von Mexico und Brasilien über Europa bis nach Japan und China. 2008 ist ihr zweites gemeinsam verfasstes Buch «Wenn Sex intim wird» erschienen, bei uns im Waldhaus bieten sie in unregelmässigen Abständen das gleichnamige Seminar an.

In eurer Arbeit geht es seit jeher darum, wie wir lernen können, Nähe und Vertrauen in einer Beziehung zu vertiefen. Was hat euch bewogen, nach 14 Jahren Learning-Love-Arbeit einen spezifischen Sexualitäts-Workshop anzubieten?

Amana: Nachdem wir mit vielen Paaren gearbeitet hatten, sahen wir, dass sehr oft das Verständnis darüber fehlt, wie die Sexualität sich verändert, wenn zwei Menschen über eine gewisse Zeit zusammen sind.

Krish: Sex stellt einen so wichtigen Teil einer Liebesbeziehung dar, dass es traurig und schmerzhaft ist, wenn er abstirbt oder zur Routine wird. Der Hauptaspekt, mit dem wir uns befassen, ist die Frage, was Sicherheit und Offenheit schafft in der Sexualität. Wir glauben, dass dies ein Schlüssel zu gesunder Sexualität ist und dass viele von uns nicht in Berührung damit sind oder nicht wissen, wie sie in Bezug auf diesen grundlegenden Punkt kommunizieren können.

Was unterscheidet dieses Seminar von euren anderen Workshops und Trainings?

Dieses Seminar ist ziemlich anders als unser restliches Kursangebot, da unser Fokus direkt auf der Sexualität liegt und darauf, wie wir eine intimere Verbindung mit unserem eigenen Körper erschaffen können. So bekommen wir ein Gespür dafür, was sich sexuell richtig anfühlt, und wir können auch mit unseren Ängsten und Unsicherheiten in Bezug auf Sex in Kon-takt kommen.

Krish: Wir lehren in dem Seminar spezifisch, wie wir sehr feine Zeichen in unserem Körper, besonders in der Sexualität, wahrnehmen und wie wir bewusster darüber werden können, wie Ängste und Unsicherheiten unser heutiges Sexualleben unmittelbar mitbestimmen. Wir zeigen den TeilnehmerInnen auf, wie sie beim intimen Zusammensein klar und kontinuierlich darüber kommunizieren können, was sie brauchen, um sich sicher zu fühlen und sich zu öffnen.

Ist das Seminar nur für Paare gedacht?

Amana: Es ist wunderbar, wenn ein Paar diesen Workshop gemeinsam besuchen kann, da es hilft, eine Grundlage für eine gesündere Sexualität zu schaffen, die für beide nährend ist. Ein Paar kann tieferes Verständnis und eine bessere Kommunikation entwickeln über ein Gebiet, über das sonst schwierig zu sprechen ist. Und natürlich sind auch Singles willkommen und alle, welche die Bereitschaft haben, dieses Thema zu erforschen und sich tiefer mit ihrem Körper zu verbinden.

Bei der Flut von Literatur der letzten Jahrzehnte rund ums Thema Sexualität ist es ein Wagnis, ein weiteres Buch zu diesem Thema zu veröffentlichen. Was ist euer Anliegen?

Amana: Tatsächlich befasst sich dieses Buch nicht unmittelbar mit Sexualität, sondern vielmehr mit den Verletzungen, welche einer fliessenden, nährenden Sexualität im Wege stehen. Uns war kein Buch zu diesem Thema bekannt und wir fanden, dass es fehlte.

Krish: Die Menschen sind sich oft nicht bewusst, wie gross ihre Angst und ihre Scham bezüglich Sexualität ist und wie sehr ihr Sexualleben davon beeinflusst ist, oder wie sie beim Sex über ihre Verletzlichkeit sprechen können. Oft beginnt eine Beziehung mit einem aktiven Sexualleben, doch mit der Zeit und mit mehr Verletzlichkeit tauchen Ängste und Unsicherheiten auf. Wenn das Paar nicht zu kommunizieren und tiefer zu gehen beginnt, verschlechtert sich die Sexualität bis zum Punkt, an dem die Beteiligten kämpfen, sich zurückziehen und sich sexuell frustriert, verletzt, enttäuscht und manchmal sogar in ihren Grenzen verletzt fühlen.

Was euer Buch «Wenn Sex intim wird» unter anderem so lebendig und berührend macht, sind eure vielen persönlichen Berichte über eure eigenen Geschichten, Erfahrungen und Wandlungsprozesse. Natalia Wörner schreibt im Vorwort treffend, die gebotenen Einsichten in eure Beziehung seien «sehr persönlich, aber nie privat». Wie schafft ihr diese feine Trennung?

Krish: Ich finde Selbsthilfebücher oft trocken und langweilig, wenn die Autoren nichts von sich selbst mitteilen. Wir lernen am besten, wenn wir berührt sind und wenn wir uns mit dem verbinden können, was in solchen Büchern gelehrt wird. Ausserdem, ganz ehrlich, die meisten von uns haben Scham und Angst in Bezug auf Sexualität. Natürlich kann es sich auf unterschiedliche Weise zeigen, aber im Grunde sind wir alle ziemlich ähnlich. Deshalb können Männer und Frauen sich darin erkennen, wenn Amana und ich von uns sprechen.

Amana: Ich schätze persönliche Beispiele, um etwas einfacher und direkter zu lernen, zugleich mag ich Bücher nicht, in denen der Autor oder die Autorin allzu viel über sich selbst schreibt und dabei die tiefere Absicht aus den Augen verliert, welche in diesem Fall darin besteht, etwas zu lehren und vermitteln. Es braucht eine feine Balance, um für diese Absicht persönlich genug zu sein und zugleich sich nicht privat zu exponieren.

Ihr lebt und lehrt gemeinsam als Paar seit über 16 Jahren, habt einen intenisven Seminar-Zeitplan, seid für einen grossen Teil des Jahres unterwegs auf der ganzen Welt und schreibt «so nebenher» noch Bücher. Was hilft euch selbst, unter diesen wohl oft herausfordernden Bedingungen eure Beziehung lebendig und in Balance zu halten?

Krish: Es stimmt, dass unser dichtes Seminar- und Reiseprogramm es uns manchmal schwer macht, genug gemeinsame Zeit zu haben, um entspannt und spielerisch zusammenzusein. Doch wir schaffen uns auch Zeit dafür, und wir sind sehr genährt durch unsere Arbeit. Unsere Beziehung ist sehr stabil, vielleicht dank all der Arbeit, die wir mit uns selbst gemacht haben. So sind wir in der Lage, verbunden zu sein, auch wenn wir arbeiten und unterwegs sind. Ich möchte mit niemandem lieber sein und mein Leben teilen als mit Amana. Es ist so einfach mit ihr zu sein, sogar wenn wir unter starkem Stress stehen.

Amana: Wir beide geniessen unser Leben, egal ob wir arbeiten oder frei haben, und darauf kommt es wirklich an. Wenn wir dann gemeinsame Zeit haben, können wir unser Zusammensein geniessen und müssen einander nicht benutzen, um die eigene Leere zu füllen oder um uns selbst besser zu fühlen. Ich denke, genau das zerstört die meisten Beziehungen. Wir schätzen uns gegenseitig, unsere Unterschiedlichkeit und was wir in die Beziehung bringen, wirklich sehr.

Interview: Alexander Lanz
Veröffentlicht im WaldhausAktuell April 2010