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Francesca Mason Boring: In der Sicherheit des Kreises entfalten sich die Geschichten

Ich bin auf Besuch bei meiner Mom, es ist Winter. Sie ist Angehörige der Shoshonen (eines Indianer-stammes) und über achtzig. Ihre Mutter, meine Grossmutter, ist über hundert Jahre auf dieser Erde gewandelt. Während wir durch den Schnee stapfen, denke ich, dass ich vielleicht das Glück haben werde, meine Mutter noch weitere zwanzig Jahre zu haben, wenn es so läuft wie mit ihrer Mutter.

Während es weiter schneit, gehen wir nach drinnen und denken laut. Einmal mehr werden wir uns bewusst, wieviel Ähnlichkeit es zwischen Familienaufstellungsarbeit und traditionellem indianischem Heilen gibt. Und meine Mom erzählt Geschichten, um diese Gemeinsamkeiten zu illustrieren. Solche Gespräche unter Natives sind für mich immer wieder wie Atmen.

Ich höre den Geschichten zu und erinnere mich, dass die meisten dank des ge-genseitigen Austausches im Kreis überlebt haben. Wir haben Familienzusammenkünfte, bei denen das Geschichtenerzählen bis weit in die Nacht hinein reicht. Je mehr Verwandte im Kreis sitzen und je grösser das Altersspektrum ist, umso tiefer gehen die Geschichten.

Dies erinnert mich an die Aufstellungskreise. Ich habe nie die Auffassung gehabt, diese Kreise könnten aufgrund psychologischer Theorien geleitet werden. Ich kenne sie als Ort, wo das Feld der Familie und der Ahnen aktiviert wird und wo die Präsenz der Gruppe es ermöglicht, dass die Geschichten entstehen – und alle Anwesenden erfahren Er-innerung und Heilung. Einige Geschichten zeugen von Humor, so soll es auch sein. Einige Geschichten sind tragisch, und die Wellen von Trauer, Blut, Wunden und Tränen werden vom Kreis gehalten. Der Kreis ist gross genug, wie ein Damm aus Weisheit. Er ist stark genug, so dass die ganze Ge--schichte Raum hat, sich zeigen kann und gehalten ist – und etwas heil werden kann.

Bei jeder Aufstellungsgruppe bin ich dankbar, dass Europa die Familienaufstellung hervorgebracht und damit einen Ort geschaffen hat, wo die Geschichten, der Kreis und die traditionellen, universalen, indigenen Heilkräfte auf eine gute Art zusammenkommen können. Dies hat mir ermöglicht, die familiären Gespräche in grössere Kreise zu tragen. Viele unserer Vorfahren hatten ihren Platz verloren. Die Familienaufstellung heisst sie wieder willkommen, und so kann ich ohne Scham im Kreis stehen. Wir können alle ohne Scham im Kreis stehen. Jede und jeder hat seinen Platz, niemand ist ausgeschlossen, und die Geschichte kann so erzählt werden, wie es notwenig ist.

Während ich dies schreibe, weiss ich, dass die Vorfahren untereinander im Gespräch sind. Einige von ihnen möchten, dass ihre Nachfahren in den Kreis kommen und die Heilung unterstützen für ihre eigenen Nachfahren, für sich selbst, für jene in der Vergangenheit und jene, die noch ins Familiensystem kommen werden: Kinder, Grosskinder, Nichten und Neffen, Cousins und Cousinen, die Jüngsten und sogar die, die noch nicht geboren sind. Die Ahnen sind im Gespräch und sehen mir und meiner Mom zu, wie wir uns Geschichten erzählen. Doch bisweilen frage ich mich, wie das gehen kann, wenn da niemand ist, der seinen Nachkommen das Zuhören beigebracht hat.

Wenn meine Mutter, meine Grossel-tern oder Onkel ihre Geschichten zu erzählen begannen, musste mein Körper still sein, musste meine Seele still sein und musste mein Herz offen sein – noch mehr als meine Ohren. Es ist meine Hoffnung, dass der Kreis der Ort ist, wo wir diese Offenheit lernen können. Auch wenn niemand sie uns gelehrt hat. Auch wenn er nicht Teil der aktuellen Erfahrung in der eigenen Familie ist, ist er ein universeller Teil des Familienfeldes jedes Menschen. Der Kreis gehört uns allen.

Während ich hier im Schnee nach den kleinen Zeichen des Frühlings Ausschau halte, habe ich ein warmes Gefühl, ins Waldhaus zu kommen. Ich freue mich, jene zu sehen, welche die Ahnen ermutigt haben zu kommen, und ich freue mich, diejenigen im Kreis zu treffen, die in der Vergangenheit nicht auf die Ahnen gehört haben, aber ein Gespür in sich tragen, dass sie den Kreis erinnern wollen. Familien- und Systemaufstellungen beinhalten diesen Ort. Die Tiere und die Natur, welche manchmal auch ihren Platz in Aufstellungen finden, sind sehr vertraut mit diesem Feld. Sie sind seit Jahrhunder-ten eingeladen worden, und ich bin dankbar, dass durch die Aufstellungen alle eingeladen sind, auf eine gute Weise gehört und gesehen zu werden.

Oft, wenn es Winter ist und wir zusammen beim Essen sitzen, erzählen wir uns eine Geschichte, die uns hilft, uns zu erinnern:

Vor langer Zeit, als die Tiere noch sprechen konnten, hatten unsere Vorfahren noch keinen Mund. Sie hatten bloss Gesicht, Nase, Augen und Ohren und konnten sich über den Geruch ernähren, der vom Essen über dem Feuer aufstieg. Sie hatten keine Möglichkeit, Essen in ihren Körper hineinzubringen – es gab nur den Rauch und das Essen da draussen.

Eines Tages, es ist schon sehr lange her, duftete es vom Kochtopf über dem Feuer so vorzüglich, dass einer unserer Ahnen eine Idee hatte. Es muss sehr schmerzhaft gewesen sein, doch er nahm sein Flintsteinmesser, schlitzte sein Gesicht auf und stopfte das Essen in seinen Kör-per. Es war köstlich, und kurz darauf nahmen die anderen, die ums Feuer sassen, ihren Mut zusammen und taten dasselbe.

Wenn du dein Gesicht anschaust, siehst du, dass unser Mund immer noch ein bisschen wie eine Narbe aussieht. Wenn wir essen und unser Mahl genies-sen, dann ist es, weil ein Vorfahre bereit war, das Risiko einzugehen und den Schmerz zu ertragen. Dank diesem Einen können wir essen. Und vielleicht wirst du dich manchmal beim Essen an ihn erinnern.

Veröffentlicht im WaldhausAktuell 2013