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Vivian Dittmar: «Die Krisen unserer Zeit sind Symptome unserer Beziehungsunfähigkeit»

Vivian Dittmar ist Referentin, Seminarleiterin, erfolgreiche Autorin und Mutter. Sie verbrachte prägende Jahre in Indien, Indonesien, Mittel- und Südamerika und lebt heute in Deutschland. Ihr Interesse und Engagement gilt der Beziehungsarbeit auf persönlicher und globaler Ebene und einem gesamtgesellschaftlichen Wandel. Sie bietet im Januar 2016 im Waldhaus ein Seminar zum Thema «Der emotionale Rucksack» an.

Du schreibst in deinen Büchern, dass dein Beziehungsleben sich von Beziehungskatastrophen zu blühenden Gärten gewandelt hat. Was ist die wichtigste Ingredienz, die diese Transformation möglich gemacht hat?

Ich wünschte es gäbe diese eine magische Ingredienz. Das wünschen wir uns doch alle: eine einfache Antwort! Ich glaube nicht daran. Das Leben und damit auch unsere Beziehungen sind viel zu komplex und geheimnisvoll, als dass wir sie in einfache Formeln giessen könnten. Früher dachte ich allen Ernstes, es wäre eine Frage meiner Liebesfähigkeit – das wird uns ja auch in vielen einschlägigen Ratgebern suggeriert. Heute weiss ich, dass das nicht das Problem war. Ich habe schon immer sehr geliebt.

Wenn ich einige konkrete Faktoren benennen soll, die bei mir ausschlaggebend waren, dann wären es ganz andere. Zum Beispiel ein tiefes Verständnis dessen, was Respekt ist und dass dieser auf Gegenseitigkeit beruhen muss. Ausserdem ein guter Umgang mit emotionalen Ladungen auf einer ganz praktischen, alltagstauglichen Ebene. Das Wissen, wie wir gut mit Konflikten umgehen können. Und ein immer besseres Verhältnis zu mir selbst. Und natürlich die Entdeckung meiner eigenen Verletzlichkeit und Bedürftigkeit. Ich könnte nicht sagen, dass einer dieser Punkte wichtiger gewesen wäre als andere.

Gerade in Beziehungen zu Menschen, die uns besonders nahe sind, neigen unsere Emotionen dazu, uns in lieblose und destruktive Verhaltensweisen zu treiben. Wieso dieses Paradox?

Unbewusst suchen wir die Nähe zu Menschen, die unsere tiefsten Wunden berühren können. Das ist kein absurder masochistischer Trieb, sondern vielmehr ein sehr gesunder Instinkt, denn unterbewusst wissen wir, dass wir über kurz oder lang krank werden, wenn wir unsere emotionalen Altlasten nicht entladen. Der andere erweist uns also eigentlich einen Dienst, wenn es ihm gelingt, diese tiefen Schichten in uns zu berühren. Leider danken wir es ihm oder ihr nur allzuoft durch genau solche destruktiven Verhaltensweisen, die du ansprichst. Das ist eigentlich unfair: erst suchen wir den anderen aus genau dem Grund aus und dann bestrafen wir ihn. Was fehlt, ist ein Verständnis dessen, was eigentlich geschieht und wie wir gut damit umgehen können.

Immer mehr Menschen lernen heute, Beziehungen zu wählen oder zu erschaffen, in denen wir miteinander lernen und wachsen können statt aneinander. Das ist ein kleiner aber feiner Unterschied. Wenn wir gelernt haben, miteinander zu wachsen, dann ist es kein Problem wenn mein Partner meine tiefsten Wunden berührt – er ist ja auch derjenige, der dann am besten für mich da sein kann, wenn ich all das nochmal fühle. Das erfordert aber ein hohes Mass an Reife und Bewusstheit – und ganz viel Übung im Umgang mit emotionaler Ladung.

«Entladung der Emotionen» ist das erklärte Kernstück der Arbeit, die du in deinem Seminar im Waldhaus vermittelst. Das erinnert an die kathartischen Therapiemethoden der Siebziger und Achtziger. Was ist in deinem Ansatz mit Entladung gemeint?

Oh je, das ist nun wirklich nicht gemeint – ich verstehe jedoch, dass die Assoziation auftaucht. Ich habe selbst mit diesen Ansätzen experimentiert und habe lange gebraucht, um zu verstehen, worum es bei Entladung eigentlich geht.

Heute weiss ich, dass kathartische Methoden tatsächlich zu Entladung führen können, finde sie jedoch nicht mehr zeitgemäss. Ausserdem kann ich ganz laut schreien, ohne dass echte Entladung geschieht. Die Arbeit, die in den siebziger und achtziger Jahren übrigens auch von meinen Eltern in Encountergruppen und ähnlichen Settings gemacht wurde, war zweifellos sehr wichtig. Damals befanden sich die Emotionen bei sehr vielen Menschen unter einem scheinbar undurchdringlichen Panzer. Es brauchte Presslufthammermethoden, um das aufzubrechen. Heute ist das anders, auch dank der Arbeit, die damals gemacht wurde. Wir können jetzt lernen, viel feiner mit dem Phänomen Entladung umzugehen – denn tatsächlich ist es ein sehr zarter Prozess, der tief in unserem Inneren seinen Ursprung hat. Er ist bei weitem nicht so dramatisch und expressiv wie das in Encountergruppen der Fall war.

Ich erkläre das gerne so: Kinder entladen ganz natürlich spontan und unkontrolliert. Das ist einerseits sehr schön, andererseits auch anstrengend. Ein wichtiger Teil des Heranwachsens ist, dass wir lernen, kontrolliert zu entladen. Wir entwickeln unseren emotionalen Schliessmuskel. Leider läuft das bei vielen Menschen so ab, dass sie zwar lernen, diesen Schliessmuskel zuzumachen, jedoch nicht lernen, ihn auch wieder zu öffnen, wenn etwas rausmöchte.

Das führt dann dazu, dass wir entweder sehr starke auslösende Situation brauchen, um überhaupt mal entladen zu können (und das ist dann meist ziemlich destruktiv) oder dass wir gar nicht mehr entladen, was sich wiederum sehr schlecht auf unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden auswirken kann. Gerne suchen wir uns dann auch Partner, die das für uns ausagieren, was aber eine ziemlich unzulängliche Lösung ist.

Auf welche Weise kann diese Art von Entladung denn wirksam und transformierend sein?

Ich betrachte sie als einen essentiellen Aspekt von emotionaler Hygiene, um den Beziehungsraum zwischen zwei Menschen klar zu halten. Wenn wir uns nicht um emotionale Ladungen kümmern, die in Beziehungen ausgelöst werden, beginnen diese, den Beziehungsraum zu vergiften. In manchen Beziehungen kommt es dann tatsächlich zu dem Punkt wo jede Hilfe zu spät ist und das Paar sich trennen muss, obwohl es eigentlich eine gute Basis miteinander hatte. So etwas ist tragisch.

Ganz konkret wirkt eine echte emotionale Entladung immer erleichternd und klärend. Wir werden uns ganz automatisch unserer Projektionen bewusst, verzerrte Wahrnehmungen korrigieren sich, wir können uns selbst und den anderen wieder klar sehen.

Du bist auch engagiert im ökologisch-sozialen Bewusstseinwandel auf dieser Erde. Wie fliesst dieses Anliegen in deine Beziehungsarbeit ein?

Die Herausforderungen, die wir heute in unseren Beziehungen erleben sind die gleichen, um die es auch im sozial-ökologischen Bewusstseinswandel geht. Das industrielle System hat uns eine vermeintliche Unabhängigkeit voneinander geschenkt. Diese hat uns in einen fast manischen Zustand versetzt: wir glauben allen Ernstes, niemanden mehr zu brauchen. Das betrifft sowohl andere Menschen als auch andere Spezies. Ich habe Menschen kennengelernt, die beispielsweise dem Artensterben mit einem leichten Schulterzucken begegnen, als hätte es nichts mit ihnen zu tun. Das ist ein grosser Irrtum.

Ökosysteme sind Beziehungssysteme. Die sozialen und ökologischen Krisen unserer Zeit sind alle Symptome unserer Unfähigkeit, unsere Beziehungen zu einander und zu anderen Spezies so zu gestalten, dass wir alle langfristig überleben. Für mich ist ökologische und soziale Arbeit daher unweigerlich Beziehungsarbeit und umgekehrt.

Wir gehen als Menschen im Kollektiv durch grosse Entwicklungsprozesse. Was siehst du als wichtige Schritte in den letzten Jahrzehnten – und was wünschst du dir für die Zukunft?

Die letzten Jahrzehnte sehe ich in vielen Teilen der Welt geprägt von einem radikalen Sprengen alter Fesseln. Alles wurde in Frage gestellt, nichts mehr für selbstverständlich genommen, einfach weil es immer so war. Das hat tatsächlich mit viel altem Ballast aufgeräumt. Zugleich erlebe ich uns daher so haltlos wie noch nie. Damit aus diesem Befreiungsschlag nicht nur ein tragischer Kulturverlust und eine Verflachung menschlichen Seins wird, wie ich ihn beispielsweise in den USA sehr ausgeprägt erlebt habe, müssen wir neu Wurzeln schlagen.

Viele Menschen suchen heute in fremden Kulturen nach dieser Tiefe – auch mich haben diese ja sehr geprägt. Doch wir können andere Traditionen lediglich als Krücken nehmen, um mit unserer eigenen, authentischen Tiefe in Kontakt zu kommen. Denn auch diese Kulturen kommen mit viel altem Ballast. Aus unserer eigenen Tiefe eine neue, verwurzelte Gesellschaft entstehen zu lassen, die genau wie früher die traditionellen Kulturen die Einzigartigkeit jeder Region reflektiert, sehe ich als wichtige Aufgabe in den kommenden Jahrzehnten.