"Was zunächst falsch aussieht, kann sich als unser grösstes Geschenk erweisen."

Sneh Victoria Schnabel

Sneh Victoria Schnabel aus Freiburg hat seit Jahren einen Namen in der Welt der systemischen Aufstellungs­arbeit. Zwischen ihr und dem Waldhaus hat es immer wieder fruchtbare Ver­bin­dungen gegeben: sei es, dass sie bei uns Aufstellungsgruppen angeboten hat; sei es in der Zusammenarbeit zwischen Sneh als Initiantin und dem Waldhaus als Organisatorin der internationalen Tagungen für Aufstellungs­arbeit im deutschen Seminarhotel Jonathan; sei es, indem das Waldhaus-Team Sneh für klärende Teamaufstel­lungen beizog. Wer schon einen langen Weg gegangen ist, kann sich mit Recht als BegleiterIn für neue Wege anbieten. Sneh tut dies buchstäblich, indem sie eine «Schule für unbegangene Wege» in ihr Angebot aufnimmt. Wir wollten mehr über ihren eigenen Weg zum «Neuen» wissen und danken ihr herzlich, dass sie sich für ein Interview bereit erklärt hat.

Wenn man deinen Prospekt in den Händen hält, ist unübersehbar, dass du in letzter Zeit durch viel Wandel gegangen bist: Was hat dich vorangetrieben?

Ich glaube, so etwas wie Ungeduld. Wenn mir etwas Neues passieren will, habe ich eine Zeit, da ich ungeduldig werde mit mir und der Arbeit. Ich fange an, mich zu langweilen, wenn ich mich dieselben Din­ge sagen höre, die ich schon oft gesagt habe. Der Gedanke kommt auf, es könnte ja vielleicht auch ganz anders sein als so, wie ich es gerade sage. Und dann wird’s spannend für mich, dann probiere ich neue Sachen aus. Natürlich habe ich dies immer wieder mal getan. Dabei musste ich bisher aber stets schauen, dass das Ganze noch unter dem Namen «Aufstel­lung» laufen kann. Nun war es Zeit, einen neuen Rahmen dafür zu finden.

Und den hast du dir jetzt geschaffen.

Ja, genau, und damit ist die Tür aufgegangen, dass ich so arbeiten kann, wie ich es immer schon im Kopf hatte: ohne dass ich überlegen muss, ob ich damit irgendwem auf den Zeh’ trete, ob ich jemanden enttäusche, weil die Aufstellung nicht stattfinden kann, sondern stattdessen etwas anderes. Mit der neuen Schule ist das einfach viel offener.

«Schule für unbegangene Wege» klingt spannend und sehr gross: Worum geht es?

Ich bin ganz erstaunt, dass du sagst «gross». Ich habe das Gefühl, jetzt hat es erst die richtige Grösse! Ich habe Platz für alles, was ich machen möchte und auch für die Leute, die ich einladen möchte, die ja nicht nur Aufsteller sind. Es kann in alle möglichen Richtungen gehen und lässt Luft für neue Ideen.

Was heisst das konkret?

Aufstellungen sind ja nicht das Einzige, was ich gelernt habe. Alles kommt wieder, zum Beispiel, was ich in Psychodrama gemacht habe. Auch die vielen kleinen Elemente, die von der Gestatltherapie herkommen, alles, was von der Hypnose je da war und gelehrt wurde. Ich habe Atemarbeit in Indien gemacht. Diese Körperarbeit wird auch wieder wichtiger und bekommt ihren Platz, ebenso die Traumaarbeit. Viele Male habe ich bei Aufstellungen gesehen: Wenn wir uns völlig frei davon bewegen, was Aufstel­lungen sein sollen, dann passiert etwas, das in die Nähe von modernem Theater oder szenischem Arbeiten rückt. In den USA machten wir eine Aufstellung, die hiess einfach nur «der Adler», ausgehend von einem Bild, das dort an der Wand hing. Die ganze Gruppe wurde zu Teilen dieses Adlers. Jemand sagte: Ich bin die Augen des Adlers und sehe alles, was unter mir ist. Jemand anders: Ich bin die Krallen des Adlers, und noch ein anderer: Ich bin die Beute und gebe mich hin und bin einverstanden. Und so gab sich nach und nach mit diesen rund zwanzig Leuten ein Bild, und wir haben alle etwas gelernt. Es war keine Aufstellung, obwohl wir es noch unter dieser Bezeichnung laufen liessen. Da wusste ich, jetzt muss ein anderer Rahmen her, in dem all dies passieren kann. Wenn ich meine Aufstellungsgrup­pen anbiete, kommen die Leute, um eben Aufstellungen zu machen. Aber es gibt noch eine Menge anderes, was wir lernen können über unser Menschsein, über die Natur und darüber, wofür wir überhaupt hier auf der Welt sind.

Was hat dich bei der Geburt deines neuen Projekts «ins Schwitzen gebracht», wie du so bildhaft formulierst?

Es hat damit zu tun, dass jetzt ein Identi­tätswandel offiziell nach aussen hin sichtbar wird, der innen schon passiert ist. Ich oute mich damit, dass ich nicht nur Auf­stellerin bin, sondern auch noch ganz andere Sachen mache. Die Aufstellungs­szene hat ja eine Weiterbil­dungssparte, in der ich aktiv mitwirke. Wenn ich jetzt Dinge mache, die nicht mehr reine Auf­stel­lungen sind, gehöre ich dann noch dazu? Mit dieser Frage begann das Schwit­zen, und es ist noch nicht vorbei. Ich gehe so damit um, dass ich jetzt zwei verschiedene Sachen anbiete: die «Schule für unbegangene Wege» und Aufstellungs­gruppen. Ich denke, es wird sich in den nächsten Jahren zeigen, wo es hingeht. Ich habe jetzt schon viel mehr Anmeldun­gen für die Schule als für die Aufstellungs­weiterbildungen.

Im Titel deines diesjährigen Seminars im Waldhaus sprichst du von «Coyoten-Medizin»: Was meinst du damit und wie zeigt sich dies in deinen Gruppen?

Den Begriff Coyoten-Medizin habe ich natürlich in der Zeit kennen gelernt, in der ich mit den Indianern in Nordamerika arbeitete. Vielleicht können wir Coyote am ehesten mit Hofnarr übersetzen. Es ist jemand, der eine wunderbare Freiheit hat. Mit dieser Medizin zeigt sich einem das Richtige manchmal gerade dann, wenn man sich absichtsvoll nicht an die Regeln hält, wenn man es wagt, sich dem Chaos auszusetzen.

Das Chaos hat ja eine wichtige Funktion in deiner Arbeit. Wie lädst du es ein, ohne von ihm verschlungen zu werden?

Ich glaube, ich werde dann nicht von ihm verschlungen, wenn ich keine Angst vor ihm habe. Wenn ich mein Wertesystem dahingehend ändere, dass es kein Richtig und Falsch gibt. Dies erfordert auch, keine Angst vor dem Scheitern zu haben. Etwas, das zunächst falsch aussehen kann, erweist sich vielleicht als die einzig mögliche richtige Wahl. So kann sich zum Beispiel eine Verstrickung als unser grösstes Geschenk zeigen, weil sie uns dazu führt, zu dem zu werden, der wir auch sein können. Wir müssen nicht die Rolle, in die wir einmal geschlüpft sind, beibehalten. Nach dem Motto: «Ist der Ruf erst ruiniert, lebt sich’s gänzlich ungeniert.»

Interview: Alexander Lanz
Nähere Infos zum Seminar «Coyoten-Medizin» für ein gutes Leben

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