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Learning Love: «Ein Raum, der Mut macht, hinzuschauen, verletzlich und unperfekt zu sein.»

Scham ist ein Mantel, der mich schon lange begleitet, der mich manchmal wärmt (sonst hätte ich ihn längst weggegeben), der mir häufig die Luft zum Atmen nimmt, ein Mantel, den ich selten ablege. Am Learning-Love-Wochenende bei Sneha und Alexander sollte er im Mittelpunkt stehen: Ich würde ihn mit der gebührenden Sorgfalt ausziehen, vor mich hinlegen und betrachten, würde ihn gelegentlich wieder überstreifen und mich mit ihm zeigen, den anderen zumuten, ohne mich für ihn zu entschuldigen, ohne vorsorglich die Messer zu wetzen für den Fall, dass er nicht gefällt.

Angesagt war eine «Reise ins Selbst-Vertrauen», die «Wege aus der Scham» weisen würde. Klar, dass ich meinen Mantel auf die Reise mitnahm. Man weiss ja nie, wie das Wetter am Bestimmungsort sein wird. Als ich ankam, durfte ich feststellen, dass ich nicht overdressed war – auch die anderen hatten ihre warmen Kleider dabei.

Der Seminarabend bricht an. Ich tappe die Stufen hinunter zum Seminarraum, betrete das Zimmer – und die Nervosität macht einem Aufatmen Platz. Ich schaue mich um – ja, hier will ich sein. Der Raum um das Kursleiter-Paar und der Kreis der Teilnehmenden auf ihren Meditationskissen atmet Menschlichkeit. Diese Qualität ist ein Zuhause, eines, das trägt, das mich mal sanft, mal entschieden, immer näher zu mir begleitet. Sneha und Alexander schaffen den Raum, der uns Mut macht, uns selber und dem Gegenüber mit offenem Blick und Herzen zu begegnen. Be--rührbar. Verletzlich. Ich bin dankbar.

In den Learning-Love-Seminaren finde ich immer wieder tiefe Menschlichkeit. Ich darf erfahren, dass meine Monster und Mönsterchen gar nicht so einzigartig sind und darf diese Erfahrung mit anderen teilen. Das verhutzelte, kleine, schamzerzauste Ich darf sich zeigen – ich muss es nicht ablehnen, um okay zu sein. Ich darf Ja sagen sowohl zu meinen empfindsamen als auch zu meinen widerspenstigen Aspekten. Und im Annehmen löst sich nicht etwa die ganze Welt in Wohlgefallen auf, sondern es erwacht eine feine, klare Präsenz in mir. Das Leben wird voll und vibrierend, wenn ich mir gestatte, alles zu fühlen – Enttäuschung, Erwartung, Schmerz, Ärger, Liebe, Angst, Scham.

Ich bin mehr als meine Emotion. Mehr als diesen Mantel, der höchstens meine Oberfläche bedeckt. Mehr als meine Scham – auch wenn sie immer noch viel Raum beansprucht. Sie ist eine grosse Saboteurin. Scham ist ein Zustand, von dem man nicht möchte, dass er sichtbar wird. Wenn ich ihn selber zu sehen wage, ihn identifiziere und anerkenne, führe ich mich an einen neuen Ort, in die Gegen-wart.

Diesen Text, wie oft habe ich ihn neu angefangen aus dem Gefühl heraus, dass er nicht genügt, dass meine Gedanken wertlos sind? Wenn ich nicht frei heraus aufgeben will, bleibt mir nichts anders übrig, als das Gefühl anzuerkennen als das, was es ist. Learning Love schafft einen Raum, der Mut macht, hinzuschauen, verletzlich und unperfekt zu sein – und gerade deswegen menschlich. Hier beginnt für mich Gemeinschaft.

Silja Köchli, Sargans
Veröffentlicht im WaldhausAktuell 2013