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Andre Jacomet: Im Bruch der traumatischen Erfahrung liegt eine Öffnung in neue Räume


Interview mit Andre Jacomet

(AL) Andre Jacomet führt in Zürich eine Praxis für Traumatherapie und ist international als Seminarleiter tätig. Der Kern seiner Botschaft besteht in der Einladung, den Weg aus dem Kopf zurück ins körperliche Fühlen und Spüren im Hier und Jetzt zu finden. Er hat entdeckt, dass uns die Tiere dabei wunderbare Vorbilder und Weg-Weiser sein können.

Du kennst und praktizierst seit über zehn Jahren Traumaheilungsarbeit, leitest international Seminare und bist sehr engagiert als Assistent in Weiterbildungen mit Peter Levine, dem Begründer von Somatic Experiencing. Was ist für dich so wertvoll an dieser Arbeit?

Diese Arbeit bietet eine ganz andere Perspektive als alles, was ich bisher kennen gelernt habe. In dieser Perspektive wird von einer ganz anderen Stelle aus, von einem ganz anderen Ort her geschaut. Es gibt zwar Modelle und Konzepte für unsere mentale Orientierung, doch im Zentrum steht immer das «Sein« und das «Hier und Jetzt». Und damit eröffnet sich bereits ein interessanter Spannungsbogen, weil Trauma immer etwas ist, was im «Damals-Dort» geschehen ist. Bereits durch diesen Fokus auf das Hier und Jetzt wird ein zweiter, neuer Standpunkt geschaffen, der eine Beziehung zum Damals-Dort ermöglicht. Diese Sicht schafft die Grundlage für die Verarbeitung eines Ereignisses, welches im Damals-Dort zu viel, zu schnell, zu plötzlich oder auf andere Weise überwältigend war, und damit für die Heilung von Trauma.

Was sind in deinem Verständnis und aus deiner Erfahrung die Kernaspekte, welche Heilung von traumatischen Erfahrungen ermöglichen?

An erster Stelle müssen wir hinreichende Bedingungen schaffen. Das bedeutet ein Feld zu kreieren, in dem es möglich ist, uns zu entspannen, um nicht ausschliesslich in der Starre von damals-dort festzustecken. Hinreichende Bedingungen beinhalten: Orientierung, Sicherheit und sozialen Kontakt. Unsere Physiologie würde uns durch die Art, wie wir gebaut sind, ganz von selbst an diesen Ort führen. Allerdings leben wir in einer Welt, in der wir durch Reizüberflutung und fehlendes Wissen weitgehend den Zugang verloren haben zu diesem an sich einfachen «Sein». Schlüssel dafür ist im Hier und Jetzt zu leben, und da stehen uns manchmal Dinge im Weg, die wir selbst nicht sehen können. Deshalb ist einerseits eine zweite Person, ein zweites Bewusstsein, hilfreich, anderseits können uns aber auch Tiere begleiten auf diesem Weg.

Was meinst du mit Hier und Jetzt, Orientierung, Sicherheit und sozialem Kontakt?

Ein gutes Beispiel für das Hier und Jetzt sehen wir bei grasenden Tieren. Diese ruhen in sich, sind entspannt und scheinen ganz im Moment zu leben. Bis zu jenem Augenblick, wo es vielleicht ein Geräusch gibt – ein Rascheln in einem Busch oder ein knackender Zweig. Sofort horchen die Tiere auf, sie spitzen die Ohren, sie schauen sich um, vergewissern sich, ob das Geräusch von einem Raubtier stammt oder ob da vielleicht nur ein Zweig vom Baum gefallen ist. Dieser Vorgang ist fast allen Tieren und auch den Menschen gemein. Und er heisst Orientierung. Das bedeutet, dass wir in dem Moment, wo unsere Aufmerksamkeit gefordert wird, uns mit unseren Sinnen hinbewegen zur Quelle des Ereignisses und dabei eine Evaluation vornehmen, ob diese neue Situation bedrohlich ist oder nicht. Mit anderen Worten ermöglicht uns die Orientierung zu jeder Zeit, unsere Lage einzuschätzen, und in uns startet, basierend auf dieser Einschätzung, ein entsprechendes Programm. Dieses ist tief gespeichert in unserem autonomen Nervensystem und wir teilen es mit allen höher entwickelten Lebewesen. Wenn wir eine Herde betrachten, spielt auch der soziale Kontakt eine enorme Rolle. Die Tiere scheinen sich während des Grasens die ganze Zeit über gegenseitig wahrzunehmen und zu spüren, und wenn ein Tier aufschreckt oder wegrennt, setzt sich die ganze Herde nahezu gleichzeitig in Bewegung. Der Kontakt unter den Tieren schafft somit auch Sicherheit, indem eine bedrohliche Situation unmittelbar wahrgenommen wird und so die ganze Herde besser geschützt ist. Beim Menschen gibt es sogar ein ganz spezielles System, das sogenannte Social Engagement System, welches uns auf noch subtilere Weise ermöglicht, Dinge wahrzunehmen und in adäquate Handlungen zu gehen. Bei manchen von uns ist dieses System ein bisschen eingeschlafen, und ich möchte mit meiner Arbeit dazu beitragen, es wieder aufzuwecken.

Du sagst, du möchtest mit deiner Arbeit dazu beitragen, dieses Social Engagement System wieder aufzuwecken. Wie kann ich mir das vorstellen? 

Vereinfacht gesagt sind wir Menschen in den letzten ein bis zwei Jahr­hunderten ein wenig wie «wandelnde Köpfe» geworden. Ich glaube, dass es dafür funktionale Gründe gibt. Evolutionär hat es Sinn gemacht, unseren rationalen Verstand so extrem zu entwickeln, weil dadurch die technischen Errungenschaften der Industrialisierung und des Informationszeitalters überhaupt erst möglich wurden. Als Resultat davon leben wir heute auf einem Planeten, der weltumspannend mit einem Informations- und Kommunikationsnetz überzogen ist, das mit Lichtgeschwindigkeit alle Punkte der Erde verbindet. Wir sind überflutet von Reizen, und unsere Freunde und sozialen Kontakte sind virtuell geworden. Jetzt müssen wir den Weg zurück finden in die Wirklichkeit, zurück zum Instinktiven, zum Organischen, zum Natürlichen oder anders gesagt, aus unserem Kopf zurück in unseren Körper. Wir sind so fantastische Denker geworden, dass wir das Fühlen und das Spüren fast verlernt haben. Aber genau darin liegt der Weg zurück in unsere Natur. Das sehe ich als eine persönliche, aber auch als eine evolutionäre Aufgabe. Für mich habe ich entdeckt, dass uns die Tiere dabei auf wundersame Weise helfen, weil sie, wenn sie nicht durch uns Menschen aus ihrer Mitte gekippt wurden, noch vollkommen im Fühlen und im Spüren und damit im Hier und Jetzt verankert sind. Ich möchte neugierig machen auf dieses Neue und Begleiter sein in diese Welt, die für uns Menschen oft wie ein Neuland erscheint. Ein Land, das frei ist von vorgefertigten Listen mit Punkten, die wir innerlich abhaken, wenn sie erledigt oder erfüllt sind und gleichzeitig voll ist von Momenten, die uns staunen lassen.

Was für Ansätze fliessen noch in deine Arbeit mit ein?

Neben meinem Hintergrund von Somatic Experiencing (SE) spielt vor allem meine Ausbildung in Polarity Therapy eine grosse Rolle. Deren Begründer Dr. Randolph Stone war bereits ein Lehrer von Peter Levine. Einige Prinzipien, die in SE Verwendung finden, sind bereits aus Polarity Therapy bekannt und erweitern den Blick auf die Traumaheilung. So haben zum Beispiel die Elemente – Äther, Luft, Feuer, Wasser, Erde – eine zentrale Bedeutung. Die Vermählung von SE und Polarity Therapy ermöglicht eine wundervolle ganzheitliche Sicht, die ich persönlich als ungemein bereichernd empfinde. Daneben habe ich verschiedene spirituelle Traditionen studiert. In den letzten drei Jahren habe ich mich sehr intensiv mit Hunden und anderen Tieren beschäftigt und dabei entdeckt, dass diese uns nicht nur zeigen, wie man im Hier und Jetzt sein kann, sondern auch, wie sie aus ihrer Mitte gekippte Artgenossen zurück ins Leben führen. Dabei habe ich beobachtet, dass Tiere untereinander unglaublich effiziente Therapie betreiben, von der wir Menschen sehr viel lernen können.

Du sprichst auf deiner Website davon, dass Traumaheilung für dich nichts weniger als ein Weg zu spirituellem Erwachen ist. Magst du etwas dazu sagen?

Eine traumatische Erfahrung kann verstanden werden als der Bruch eines Gefässes, gerade so wie eine Teetasse zu Bruch geht, und der Tee dabei ausläuft. In diesem Brechen liegt aber auch eine Öffnung in Räume, die davor nicht zugänglich waren. Wenn es uns gelingt, eine solche Erfahrung zu integrieren, sind wir anschliessend «mehr», umfassen mehr von dem, was zwischen Himmel und Erde existiert.

Möchtest du noch etwas teilen, was dir am Herzen liegt?

Mein aufrichtiges Herzensanliegen ist es, dass immer mehr Menschen im Hier und Jetzt – in diesem neuen Land – sein dürfen. Meine Seminare verstehe ich deshalb nicht als blosse Wissensvermittlung, sondern als ein Gefäss, in dem solche Momente direkt erfahren werden können.

Infos zu den Seminaren «(R)evolutionäre Heilungsräume» mit Andre Jacomet